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Ist Bildung für alle der richtige Weg ?

Es wird viel diskutiert, wie man Schüler aus „bildungsfernen“ Schichten mit entsprechenden Fort- und Weiterbildungsdienstleistungen versorgt, um ihnen gleiche Chancen zu gewähren. Für den schlauen und ehrgeizigen mit schwierigen Zeiten und Elternhaus, kann dies u.U. ein Weg sein. Was aber ist mit den Schülern, denen das Lernen wirklich schwer fällt und die nicht über genügend Intellekt verfügen, um Fach- und Führungspositionen erfolgreich auszufüllen. Wenn man diesen Schülern suggeriert, sie könnten über Fortbildung und Fleiß Ingenieure oder Ärzte werden, dann lügt man sie definitiv an. Zudem funktioniert diese „Bildungslüge“ auch nicht. Trotz beschränkter Fähigkeiten wissen diese Schüler  genau, dass die suggerierten Ziele für sie unerreichbar sind. Entsprechend nehmen Sie die Bildungsangebote auch nicht ernsthaft war. Das ist im Grunde auch völlig richtig. Was diese Jugendlichen brauchen ist eine echte produktive Aufgabe. Hierfür reicht die Vermittlung von sogenannten „Sekundärtugenden“ wie Pünktlichkeit, Fleiß und Zuverlässigkeit.

Das zweite Problem besteht darin, dass unsere Gesellschaft nicht  genügend Arbeitsplätze für diese Menschen zur Verfügung stellt. Ungelernte Arbeit wird ins Ausland verlagert. Trotzdem wären viele dieser Schüler für eine Ausbildung in vielleicht nicht ungeeignet. Aber der Ruf dieser Jugendlichen ist so schlecht, dass sie oft noch nicht einmal eine Chance bekommen. Eine Patentlösung für das Problem sehe ich auch nicht; aber die Jugendlichen bezüglich ihrer Chancen anzulügen, kann kein Weg sein.


Kopftücher

Wenn es Probleme in unserer multikulturellen Gesellschaft gibt, dann löst man sie an der am wenigsten wichtigen Stelle. Das Urteil ist korrekt. Wenn man das Gesetz zu Ende denkt, dann müssten Nonnen in Klosterschulen auch ihre Tracht ablegen. Der Kern des Problems liegt aber viel tiefer. Man sieht heute viel mehr Kopftücher in den Schulen, als vor 20 Jahren. Und an Gymnasien in noblen Vororten gibt es weiniger als an Berufskollegs in sozialen Brennpunkten. Dort liegt das Problem. Wenn unsere verkappt sehr intolerante Gesellschaft moslemischen Kindern aus bildungsfernen Umfeld keine langfristigen auch guten Chancen in unserem System bietet, dann werden sich die Betroffenen von unserem Gesellschaftssystem entfernen; einfach weil wir sie ausgegrenzt haben. Ist dieser Prozess einmal im Gange, dann wird es schwierig, die Jugendlichen wieder zurückzuholen. Sie wissen, dass sie am unteren Rand der Gesellschaft stehen und sie suchen nach Opfern, die noch weiter untern stehen. Da wird dann schon mal das weibliche, nicht moslemische Personal der Schulkantine massiv verbal angegriffen. Uns dann machen wir wieder einen Fehler, wir tolerieren dieses Verhalten. Aber eine offene Gesellschaft, wir es ja sein wollen, darf Intoleranz auf keinen Fall tolerieren. Das muss ganz klar kommuniziert werden. Das zweite Problem sind die Lehrer. Häufig wird das falsche Personal für diese Schüler eingesetzt. Junge Frauen aus gutem Hause sollen moslemischen junge Männer den Weg ins Leben zeigen. Das kann nur suboptimal funktionieren. Dabei gibt es mittlerweile genügend gut ausgebildete Lehrkräfte mit einem Migrationshintergrund; leider meist auch aus gutem Hause. Der Lehrerberuf ist halt ein Spießerberuf ;).


Nachhilfe: Bildungs-Koks für Kinder reicher Eltern

Ein nicht unerheblicher Anteil der Schüler erhält neben der Schule noch Nachhilfe. Absoluter Spitzenreiter dabei ist die Mathematik. Die Kosten, die Eltern hierfür aufwenden sind beachtlich und können teilweise locker bis zu 200 € im Monat ausmachen. Das ist unabhängig von der Diskussion über die Wirksamkeit, eine enorme soziale Ungerechtigkeit. Kinder reicher Eltern können schlechten Unterricht oder ander Defizite mit Geld ausgleichen. Sozial schwächere, bei denen auch die Eltern nicht als Ersatzlehrer agieren, werden dezent benachteiligt.

Neben all dieser Ungerechtigkeit hat Nachhilfe noch einen weiteren eher wenig beachteten Effekt: Sie macht abhängig. Man muss im Unterricht nicht mehr so gut aufpassen, da am Nachmittag ja jemand da ist, der einem alles erklärt. Hausaufgaben müssen auch nicht mehr allein bewältigt werden, man hat ja kompetente Unterstützung. Am Ende steht dann eine jahrelange teuer Unterstützung. 2 Jahre Nachhilfe können dann schnell mal 4.000 € gekostet haben. Bei mehreren Kindern macht das dann noch mehr Spaß.

Im Grunde müsste die Schule die Nachhilfe bezahlen; als Strafe für schlechten Unterricht oder unfaire Bewertung. Das ist natürlich praktisch nicht so leicht umsetzbar. Und dann muss man sich wieder das Totschlagargument anhören. „Viele Schüler seien halt auf der falschen Schule, und müssten diese verlassen“. Warum sind diese Schüler denn dort (auf den Gymnasien)? weil sie von den Eltern dort hingedrängt werden. Warum? Weil dass Gymnasium trotz formal vieler Weiterbildungsalternativen, die einzige Schulform ist, die beruflich wirklich alle Türen öffnen kann.

 


Geht Mathe auch ohne Noten?

Verdrängt man mal kurz das Regelwerk für öffentliche Schulen (private wie z.B. Walldorfschulen können durchaus auf Noten verzichten) so kann man durchaus mathematische Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln, ohne mit einer nicht ausreichenden Beurteilung zu drohen. So kommt z.B. das Mathematikstudium weitgehend ohne Noten aus und arbeitet im Wesentlichen mit beliebig oft wiederholbaren Scheinen. Den Schwierigkeitsgrad und das didaktische (Nicht)-Konzept der Unis diskutiere ich hier lieber nicht. Aber es gibt kein Durchfallen. Man könnte statt Noten doch auf Level umsteigen ähnlich wie bei PC-Spielen. die Schüler kommen alle voran, aber je nach Begabung und Einsatz halt unterschiedlich schnell und weit.

Dann würden die schlechten Schüler ja gar nichts mehr tun? Das stimmt nur bedingt. Eine gewisse nicht freiwillige (extrensische) Motivation muss schon aufrecht erhalten werden. Wer sich halt zu selten und zu schlecht auf die Level-Übungen vorbereitet, der wird halt zu zusätzlichen Mathematikeinheiten gezwungen, solange bis das Basislevel für das Alter des Schülers wieder erreicht ist.


Wie bekommt man gute Lehrer für eine nicht staatliche Schule ?

Naiv gedacht, sind sehr viele Lehrer unzufrieden mit dem bestehenden System. Die eher einfach gestrickten Kollegen lassen ihren Frust dann an den Schüler aus. Das funktioniert, aber die Schüler leider darunter. Schaut man genauer hin, dann wird es etwas komplizierter. Mit den Arbeitsbedingungen sind auch viele gute Pädagogen unzufrieden; aber die Bezahlung die Urlaubsbedingungen und die nicht zu überbietende Arbeitsplatzsicherheit sind ein sehr, sehr gewichtiges Argument das staatliche System nicht zu verlassen. Das Thema ist nicht zu unterschätzen; schließlich sind die deutschen Lehrer die mit am besten bezahlten weltweit und wenn man die Kaufkraft mit berücksichtigt, dann könnte es sogar sein, das wir Weltmeister sind. Die Besten und die Zufriedensten sind wir aber mit Sicherheit nicht.

Das bedeutet, ich muss meine privat arbeitenden Lehrer nicht gut sondern hervorragend bezahlen. Dann habe ich aber auf den ersten Blick nur die Möglichkeit, eine Eliteschule mit horrendem Schulgeld zu gründen. Auf den ersten Blick, denn es gibt einen Ausweg: staatlich Systeme sind so extrem ineffizient. Das heißt allein durch eine bessere Organisation und eine Optimierung der Inhalte lässt sich genügend finanzieller Spielraum schaffen. Ist sogar leichter als man denkt.


Sind (fast) alle Mathelehrer zynische Schülerquäler ?

Wenn man Mathekollegen fragt, kennt jeder garantiert jemanden, der so ist. Ich habe aber noch nie jemanden getroffen, der zugibt einer von den Tätern zu sein. Ja, es gibt Themen im Bereich der Mathematik, da ist es extrem schwer auch nur einen Teil der Klasse zu motivieren. Aber dann gleich eine ganze Klasse für dumm und unwillig zu erklären, ist vielleicht ein etwas radikaler Ansatz. Zudem darf man nicht vergessen: Mathematik ist extrem nachtragend: Hat man einmal nicht hingehört, oder ein Thema nicht richtig verstanden; es taucht immer wieder auf und verhindert, dass man sich verbessert. Das muss aber nichts so sein. Statt stetiger Verschlechterung oder massive „Behandlung“ mit Nachhilfe, könnte eine gezielte individuelle Wiederholung Wunder wirken. Man schließt einfach die Lücken und schon ist der Blick wieder frei auf die eigentliche Aufgabe.

Zudem gibt es noch eine zweite Theorie, warum eine ganze Klasse nichts versteht. Unter Umständen war die Erklärung nicht ganz optimal. Dann sind allerdings beide Seiten gefordert. Die Schüler müssen solange eine bessere Erklärung fordern, bis sie es verstanden haben. Der Lehrer muss dann aber auch dazu bereit sein. Allerdings müssen Schüler auch bereit sein, sich erst mal eine schlechte Erklärung anzuhören und nicht sofort wegzudämmern. Ist in der Praxis nicht leicht (für Alle). Da kann man bei nur mittelmäßiger pädagogischer Begabung schon mal schnell zum Zyniker werden.  Ein Schüler verlässt nach ein paar Jahren wieder die Schule; aber einen zynischen, deprimierten Lehrer wieder zu heilen ist eine echte Aufgabe. Dafür gibt es leider keine Fortbildungen, sondern nur den gelebten gegenseitigen Hass.

Die leider viel zu häufige falsche Zusammenfassung des Problems: Mathe ist doof und Mathelehrer sind böse.


Wer braucht eine Kurvendiskussion?

Natürlich hilft die höhere Mathematik allen, die ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium beginnen wollen. Aber sehr viele Schüler wissen schon weit vor dem Abitur, dass dies nicht ihr Weg werden wird. Warum werden diese Schüler also dann mit diesem abstrakten Thema gequält? Warum wird die höhere Mathematik nicht erst an der Uni gelehrt? In der Schule habe ich selber den sinn auch nicht begriffen. Das schafft Freiräume, vor allem vor dem Hintergrund, dass Mathelehrer eh Mangelware sind. Von guten Mathelehrern reden wir lieber gar nicht.


Warum nicht für (etwas) weniger Geld streiken ?

Klar ist es eine schreiende Ungerechtigkeit, dass Angestellte Lehrer bei identischen Aufgaben und Arbeitsbelastung netto einige Hundert Euro weniger verdienen. Aber macht es sich nicht besser, wenn man auch für die Verbesserung der Unterrichts streikt? etwa mehr Lehrer fordert, damit weniger Unterricht ausfällt? Die neueste Statistik ist ja eine Verdrehung von Tatsachen und Verschleierung von Problemen, die so nicht stehen bleiben darf. Auch Lehrer werden krank, und dafür muss vorgesorgt werden. So könnte man einigen jungen Lehrer eine Stelle schaffen.

Aber warum zeigt man sich beim Streik nicht etwas kompromisbereit in Zeiten leerer Kassen. z.B. plus 5% für die Angestellten und minus 1,5 % für die Beamten. Das wäre halbwegs kostenneutral und wäre wahrscheinlich viel leichter durchzusetzten. Insgesamt muss es natürlich eine Erhöhung geben, da die Preise entgegen anderslautender Gerüchte ja doch steigen. Wirkt öffentlich einfach viel besser.


Können Schüler eine Schule gründen?

Als Lehrer wird einem natürlich schon bei dem Gedanken schlecht. aber so kurios es klingt: Grundsätzlich möglich ist es. Mit 18 Jahren sind Schüler voll geschäftsfähig. die über 18-jährigen könnten einfach einen Verein oder eine gemeinnützige GmbH gründen, sich dann eine Satzung geben in der die jüngeren auch zu Wort kommen. Wenn dann der ganze Formalkram auch noch gestemmt werden sollte, dann würde die Schülervertretung die Schule betreiben. Das heißt Schüler würden Lehrer einstellen und bei Bedarf feuern. Sie müssten halt nur Eltern überzeugen, dass ihre Kinder in der „Schülerschule“ gut aufgehoben sind. Wahrscheinlich würde es gar nicht so schlecht laufen, wie man zunächst annimmt. Im Grundsatz sind Schüler ja an einer guten Ausbildung und einer guten Vorbereitung für das Berufsleben interessiert; im Gegensatz zu demotivierten, und ausgebrannten Lehrern. Zumindest ein interessantes Gedankenexperiment.


Braucht Kunst Noten?

Noten scheinen ja allgemein das Allheilmittel zur Leistungsdokumentation und natürlich auch zur Motivation für mittelmäßige Pädagogen. Es ist schlicht so einfach, Schüler mit der Angst vor schlechten Noten auch bei noch so schlechtem Unterricht zum zuhören zu zwingen. Macht das aber Sinn in einem Fach wie Kunst? Jeder weiß, wie unterschiedlich die Talente und Motivationen gerade im künstlerischen Bereich verteilt sind. Sollte man hier nicht einfach die Teilnahme und die investierte Zeit bewerten? Natürlich fehlt dann die Motivation für die Talentierten. Aber kann man die herausragenden Arbeiten nicht besser durch eine öffentliche Ausstellung der Arbeiten honorieren? Bei der Motivation ist einfach viel mehr Flexibilität und Fantasie gefragt.


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